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Grandiose Zuspieltechnik der ehemaligen Angreiferin

(Nachricht vom 04.11.2006, 08:32 Uhr )

Sie strahlt Ruhe und Gelassenheit aus und ist mit einer begnadeten Technik ausgestattet, die sie seit Jahren zu den weltbesten Zuspielerinnen macht. Tanja „Tanji“ Hart (32 Jahre, 1. VC Wiesbaden) erlebt bei der WM in Japan 2006 bereits ihre dritten Weltmeisterschaften und ist die erfahrenste und älteste Spielerin im DVV-Team.

Dass sie seit Jahren in Bundesliga und Nationalmannschaft die Bälle gekonnt und präzise ihren Angreiferinnen zuspielt, war zu Beginn ihrer Volleyball-Karriere nicht absehbar: Hart war bis zum 16. Lebensjahr Angreiferin (!) und gewann mit ihrem Klub DJK Karbach diverse Jugend-Titel. „In Karbach gab es nichts anderes für Mädchen, und als eine Volleyballgruppe aufgemacht wurde, sind wir alle hin“, erinnert sie sich an ihre Anfänge. „Am Anfang war es nur so zum Spaß und mit den Freundinnen, dann wurde es aber Ernst, und ich war mittendrin“, schildert „Tanji“ die weiteren Geschehnisse. Den entscheidenden Schritt in ihrer Karriere vollzog sie mit 16,5 Jahren. Vom beschaulichen Karbach, dort stand sie mit 15 Jahren bereits in der Regionalliga, wechselte sie zum Erstligisten Feuerbach. Der Trainer: Matthias Eichinger, der ihr sagte, „wenn ich etwas werden wolle, müsse ich als Zuspielerin agieren“, so Hart und fügt bei. „Ich habe es geliebt anzugreifen, aber er hat natürlich Recht gehabt, so weit wäre ich als Angreiferin natürlich nie gekommen.“ Zumal ihr in Feuerbach Rekordnationalspielerin Renate Rieck (518 Länderspiele) an der Seite stand, „von der ich natürlich unheimlich viel gelernt habe.“ Und da „Ziehvater Matthias“ (Zitat Hart) ihr regelmäßig Spielpraxis gab, wurde aus dem ungeschliffenen Diamanten nach und nach ein Zuspiel-Juwel. Nach zwei „Lehrjahren“ in Feuerbach musste Hart wechseln (Konkurs des Vereins) und ging gemeinsam mit Eichinger in die zweite Liga zurück, zurück nach Karbach. Gleich im ersten Jahr gelang dem Dorfverein der Aufstieg in die Eliteliga, „und wahrscheinlich wäre ich noch heute da, wenn wir insolvent gegangen wären“, so Hart. Es folgte die Station Ulm, wo ihr endlich der ersehnte Titelgewinn gelang: „Das war meine schönste Zeit, weil ich die ganze Entwicklung mitbekommen habe, die Mannschaft und das Umfeld toll waren und ich mit dem Double endlich auch Titel gewann.“ Nach zwei Jahren Ulm (freiwilliger Rückzug) folgten zwei Jahre Münster, wo ihr das zweite Double aus Meisterschaft und Pokal gelang. Nun ist sie in Wiesbaden gelandet und hat einen Zwei-Jahres-Vertrag. Die Hessen zogen das große (Zuspiel-)Los, weil sie Hart eine Stelle als Referendarin (Sport, Englisch) verschaffen konnten. Nun verrichtet sie neben der täglichen Trainingsarbeit auch ihren Dienst an einer Gesamtschule in Wiesbaden: „Das ist schon eine große Belastung, weil ich im Referendariat ja noch alles vorbereiten muss. Aber ich bin froh, dass ich das gemacht habe. Das muss ich jetzt durchziehen, weil ich mir ein zweites Standbein aufbauen möchte“, sagt die 32-Jährige.

Neben Angelina Grün und Kerstin Tzscherlich ist Hart die einzige in der deutschen Mannschaft, die bereits ihre dritte Weltmeisterschaft bestreitet. Hart zu den drei Welttitelkämpfen: „1998 wusste ich nicht, was auf mich zukommt. Ich hatte eine Riesen-Verantwortung, und stand als junge Spielerin mit gestandenen Spielerinnen auf dem Feld. Wir waren ein zusammen gewürfelter Haufen, keine Mannschaft. Wir konnten nicht so schnell gucken, da waren wir schon draußen. 2002 war ich froh, dabei zu sein, weil ich ein Jahr lang mit meiner Verletzung (Bandscheibenvorfall) zu tun hatte. Ich war deshalb nicht so drin in der Mannschaft, zudem kam der Riesendruck von außen bei der WM im eigenen Land. Und wir waren als junge Mannschaft noch nicht so gefestigt. 2006 haben wir eine Mannschaft, die ganz nah an das Team von 2003/04 (EM-Bronze und Olympia-Qualifikation, Anm. d. Red.) heran kommt. Der Teamgeist ist unsere Stärke, alle ziehen an einem Strang. Wir sind auf allen Positionen doppelt gut besetzt, es ist kein Konkurrenzdenken, sondern ein Miteinander.“

Gerade für ihre Position und ihre Person gilt das: Hart ist in Sapporo bislang die zweite Zuspielerin, Kollegin Kathleen Weiß begann in allen drei Partien. Dennoch hat Hart überhaupt kein Problem damit: „Es ist eine ungewohnt Situation, aber nicht enttäuschend. Eigentlich muss jeder froh sein, da das ja immer gefordert wurde, dass auf der Zuspielposition etwas nachkommen muss. Und ich bin froh, weil ich zuletzt immer die volle Verantwortung hatte.“ Auch Guidetti ist froh, Hart bei der WM im Team zu haben: Sie ist eine große Persönlichkeit und natürlich eine starke Zuspielerin. Für sie war es in diesem Sommer sehr schwer, weil sie auch einen Job angefangen hat. Wegen ihrer großartigen Technik und Einstellung hat sie es aber geschafft.“ Und Hart ergänzt: „Wir hatten im Mai bereits ein Gespräch, in dem ich Giovanni mitgeteilt habe, dass ich aufgrund meiner neuen Situation nicht die komplette Vorbereitung bestreiten könne. Wenn du mit dem Kompromiss leben kannst und ich der Mannschaft helfen kann, dann mache ich das gerne.“

In den Spielen gegen die Dominikanische Republik und Mexiko deutete Hart beim taktischen Doppelwechsel bereits ihr Können an, im Spiel gegen Russland leitete sie gemeinsam mit Margareta Kozuch fast die Wende ein, als der vierte Satz nur knapp verloren ging: „Kathleen spielt bisher eine Super-WM. Aber natürlich haben wir unterschiedliche Spielweisen, und das hat gegen die Russinnen noch mal für frischen Wind gesorgt“, so der Routinier, die sich als Mannschaftsspielerin sieht, „obwohl andere Spielerinnen in anderen Teams mit fast 200 Länderspielen auch gerne die Diva gerne rauskehren, ich nehme die Rolle gerne an“, lacht sie.

Gerne würde sie auch noch mal an Olympischen Spielen teilnehmen. Drei mal war sie bereits beim weltweit größten Sportereignis dabei (1996 – 2004, „Atlanta waren die ersten, Sydney die schönsten, Athen die emotionalsten"), wenn das Stichwort „Olympia“ fällt, leuchten ihre Augen: „Peking ist eigentlich abgehakt, aber man kann sich diesem Bann nicht entziehen. Es muss eigentlich gut sein nach drei Teilnahmen, aber es geht nicht. Mein Herz schlägt für Olympia.“

Die Augen von Zimmernachbarin Christina Benecke (schon seit sieben Jahren) leuchten auch, wenn sie etwas über „Tanji“ preisgeben soll: „ Ich freue mich, dass wir schon seit sieben Jahren das Zimmer teilen. Wir sind uns sehr ähnlich, lieben die Ruhe, lachen gerne zusammen. Sie ist für mich die beste Zuspielerin in Deutschland und ein ganz lieber Mensch und Freundin. Wir wollen nach dem Volleyball auch gemeinsam Urlaub machen.“ Und gibt es eine Macke? Benecke: „Ihre Vorliebe ist Starbucks Coffee und vor allem Shopping. Davon profitiere auch ich, denn sie hat einen guten Geschmack und hilft mir bei der Auswahl.“ Und sonst? Da muss Physio Patrick „Pecke“ Rißler einspringen: „Sie ist lange dabei und ein „alter Hase“. Sie strahlt Ruhe aus und ist in Japan durch ihr unterfränkisches „RRRRRRR“ besonders begehrt.“

Aber eins fehlt noch in ihrer Biographie: Warum war Hart nie im Ausland? „Diese Frage hat sich jedes Jahr gestellt. Ich hatte Anfragen aus Italien, Spanien und Frankreich, aber irgendwie gab es dann immer andere Prioritäten (Studium, Privates z.B.). Außerdem war ich immer eine, die ein besonderes, gutes Umfeld benötigt. Ich bereue es nicht, aber manchmal stelle ich mir schon vor, was wäre gewesen wenn“, so Hart.
(Autor: DVV)

Die große Stärke der Tanja Hart: Das schnelle Zuspiel, hier auf Christiane Fürst.
(03.11.2006 © FIVB)


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